Der 100-Dollar-Segen
Veröffentlicht am: 07:37:30 07.01.2008
Der Preis für Rohöl hat sich letztes Jahr verdoppelt und erreichte letzte Woche die Rekordmarke von 100 Dollar pro Barrel. Die Schweizer Industrie profitiert davon
Exporte in ölproduzierende Länder boomen: Die Schweizer Uhrenindustrie kann ihren Absatz in den Mittleren Osten massiv steigern.
Daniel Puntas Bernet, Markus Städeli
Der New Yorker Händler, der am Mittwochmittag an der Nymex als erster 100 $ für einen Rohöl-Kontrakt bezahlte, wurde nicht reich. Er verkaufte den Kontrakt Sekunden später für ein paar Cents weniger. Doch der Eintrag in die Geschichtsbücher der Finanzwelt ist ihm gewiss. Dankbar stürzen sich seither Analysten und Experten des Ölmarktes auf die Interpretation des historischen Ereignisses: Während die einen davon ausgehen, dass ein Barrel (159 Liter) bald nur noch 75 $ kosten wird, gehen andere aufgrund des anhaltenden China-Booms von einem Preisanstieg bis auf 200 $ aus. Die üblichen Schreckensszenarien einer Wirtschaftskrise werden herumgeboten, der Ölpreisschock der siebziger Jahre wird bemüht, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung prognostiziert einen Benzinpreis von 4 € pro Liter.
Dabei lenken der dreistellige Ölpreis und die historische Marke davon ab, dass diese primär eine Folge der auf Hochtouren laufenden Wirtschaft sind; gleichsam ein Beleg der guten Konjunktur. Aymo Brunetti, Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik beim Seco, verweist auf die seit fünf Jahren kontinuierlich mit über 4% wachsende Weltwirtschaft. «Die damit einhergehende Nachfrage treibt zwar den Ölpreis, stützt aber gleichzeitig die Weltkonjunktur und nützt der Schweiz als Exportland», sagt Brunetti.
Vom Anstieg des Fasspreises von 50 auf 100 $ profitiert ein Konzern wie ABB gleich doppelt: «Erstens führt das teure Öl zu einem effizienteren Umgang mit Energie, weshalb wir vermehrt unsere Antriebssysteme verkaufen können, welche den Energieverbrauch reduzieren. Und zweitens verdienen die erdölexportierenden Länder beim aktuellen Ölpreis so viel, dass sie vermehrt Investitionen tätigen. Das beschert uns zusätzliche Aufträge, die direkt arbeitswirksam für die Schweiz werden», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth. Selbst die gestiegenen Energiekosten in den ABB-Fabriken stellten 2007 kein Problem dar: Die Zusatzkosten konnten weitgehend auf die Produkte umgewälzt werden.
Rezyklierte Petrofranken
Dass sich Technologievorsprung dank teurem Öl in Gewinne ummünzen lässt, bestätigt der am hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut tätige Berner Professor Thomas Straubhaar. «Mittelfristig bringt das unserer Volkswirtschaft einen Wachstumsschub, der eine schleppende Konjunktur mehr als wettmachen kann», sagt Straubhaar in einem Interview. Selbst der negativen Beeinträchtigung des verfügbaren Einkommens vieler Haushalte ringt Straubhaar in der «Berner Zeitung» Positives ab: «Ein Teil der verfügbaren Kaufkraft wird an ölexportierende Länder abgegeben. Aber mit dem schönen Nebeneffekt, dass diese Länder wieder Schweizer Produkte kaufen. Die rezyklierten Petrofranken führen zu steigender Beschäftigung.»
Nirgends zeigt sich das deutlicher als in der Statistik der Uhrenexporte. Die neusten Zahlen vom Monat November zeigen eine Gesamtzunahme von 17%. Doch es gibt markante regionale Unterschiede. In den Mittleren Osten setzten die Uhrenhersteller sogar 44,5% mehr Uhren ab als noch vor einem Jahr. Boutiquebesitzer an der Zürcher Bahnhofstrasse berichten, dass die russische Kundschaft konsequent auf die teuersten Modelle zusteuert, ohne eine Beratungsdienstleistung in Anspruch zu nehmen. Bezeichnend ist auch, dass die Chinesen, deren boomende Wirtschaft die Erdölhausse anfeuert, Schweizer Uhren nachfragen wie noch nie. Das kleine Hongkong hat im Herbst die USA als grössten Exportmarkt überholt.
Auch das Private Banking profitiert stark von den neuen Reichtümern, die sich in den rohstoffreichen Regionen anhäufen. Vermehrt suchen Banken die geografische Nähe zu den Vermögenden. Julius Bär zum Beispiel hat im November eine Vertretung in Abu Dhabi eröffnet. Dabei unterhält die Vermögensverwaltungsbank in den Vereinigten Arabischen Emiraten bereits einen Sitz in Dubai. «In Abu Dhabi können wir konservativere Kunden erreichen, die einen Bogen um Dubai machen», begründet Janwillem Acket, Chefökonom der Julius-Bär-Gruppe, die zusätzliche Niederlassung. Sich auf den Rohstoffreichtum auszurichten, sei eine Kernstrategie der Bank. In Mexiko und Russland unterhält Julius Bär Vertretungen, und von Singapur aus bearbeitet sie den nahen indonesischen Markt.
Während die Ölpreishausse die Wirtschaft favorisiert, belastet sie das Portemonnaie des Schweizer Konsumenten weniger, als man gemeinhin annimmt. Die Teuerung betrug 2007 durchschnittlich 0,7%, die geringste Zunahme seit vier Jahren. Der geschätzte Heizölverbrauch ging zwar von Januar bis November um 16% zurück, erklärt sich jedoch weitgehend durch die warmen Wintermonate Anfang Jahr und die Tendenz, bei Neubauten auf Wärmepumpen zu setzen.
Benzinverbrauch steigt
Der Benzinverbrauch reduzierte sich trotz einem Anstieg von 1.55 Fr. (Januar) auf 1.77 Fr. (November) pro Liter nicht, sondern nahm um 1,9% zu. «Der hohe Erdölpreis ist der Motor der starken Wirtschaft», sagt Rolf Hartl, Geschäftsführer der Erdölvereinigung Schweiz. «Der negative Effekt des teuren Rohöls ist in den Schwellenländern um ein Vielfaches grösser – und wirkt erst dann auf die Schweiz zurück, wenn diese Länder unsere Produkte nicht mehr kaufen können.»
Gewinner des Rekordölpreises ist jedenfalls der New Yorker Nymex-Händler: Er dürfte seinen 100-$-Kaufbeleg auf Ebay um ein Vielfaches versteigern können.
NZZ
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07:37:30 07.01.2008
Der Preis für Rohöl hat sich letztes Jahr verdoppelt und erreichte letzte Woche die Rekordmarke von 100 Dollar pro Barrel. Die Schweizer Industrie profitiert davon
Exporte in ölproduzierende Länder boomen: Die Schweizer Uhrenindustrie kann ihren Absatz in den Mittleren Osten massiv steigern.
Daniel Puntas Bernet, Markus Städeli
Der New Yorker Händler, der am Mittwochmittag an der Nymex als erster 100 $ für einen Rohöl-Kontrakt bezahlte, wurde nicht reich. Er verkaufte den Kontrakt Sekunden später für ein paar Cents weniger. Doch der Eintrag in die Geschichtsbücher der Finanzwelt ist ihm gewiss. Dankbar stürzen sich seither Analysten und Experten des Ölmarktes auf die Interpretation des historischen Ereignisses: Während die einen davon ausgehen, dass ein Barrel (159 Liter) bald nur noch 75 $ kosten wird, gehen andere aufgrund des anhaltenden China-Booms von einem Preisanstieg bis auf 200 $ aus. Die üblichen Schreckensszenarien einer Wirtschaftskrise werden herumgeboten, der Ölpreisschock der siebziger Jahre wird bemüht, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung prognostiziert einen Benzinpreis von 4 € pro Liter.
Dabei lenken der dreistellige Ölpreis und die historische Marke davon ab, dass diese primär eine Folge der auf Hochtouren laufenden Wirtschaft sind; gleichsam ein Beleg der guten Konjunktur. Aymo Brunetti, Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik beim Seco, verweist auf die seit fünf Jahren kontinuierlich mit über 4% wachsende Weltwirtschaft. «Die damit einhergehende Nachfrage treibt zwar den Ölpreis, stützt aber gleichzeitig die Weltkonjunktur und nützt der Schweiz als Exportland», sagt Brunetti.
Vom Anstieg des Fasspreises von 50 auf 100 $ profitiert ein Konzern wie ABB gleich doppelt: «Erstens führt das teure Öl zu einem effizienteren Umgang mit Energie, weshalb wir vermehrt unsere Antriebssysteme verkaufen können, welche den Energieverbrauch reduzieren. Und zweitens verdienen die erdölexportierenden Länder beim aktuellen Ölpreis so viel, dass sie vermehrt Investitionen tätigen. Das beschert uns zusätzliche Aufträge, die direkt arbeitswirksam für die Schweiz werden», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth. Selbst die gestiegenen Energiekosten in den ABB-Fabriken stellten 2007 kein Problem dar: Die Zusatzkosten konnten weitgehend auf die Produkte umgewälzt werden.
Rezyklierte Petrofranken
Dass sich Technologievorsprung dank teurem Öl in Gewinne ummünzen lässt, bestätigt der am hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut tätige Berner Professor Thomas Straubhaar. «Mittelfristig bringt das unserer Volkswirtschaft einen Wachstumsschub, der eine schleppende Konjunktur mehr als wettmachen kann», sagt Straubhaar in einem Interview. Selbst der negativen Beeinträchtigung des verfügbaren Einkommens vieler Haushalte ringt Straubhaar in der «Berner Zeitung» Positives ab: «Ein Teil der verfügbaren Kaufkraft wird an ölexportierende Länder abgegeben. Aber mit dem schönen Nebeneffekt, dass diese Länder wieder Schweizer Produkte kaufen. Die rezyklierten Petrofranken führen zu steigender Beschäftigung.»
Nirgends zeigt sich das deutlicher als in der Statistik der Uhrenexporte. Die neusten Zahlen vom Monat November zeigen eine Gesamtzunahme von 17%. Doch es gibt markante regionale Unterschiede. In den Mittleren Osten setzten die Uhrenhersteller sogar 44,5% mehr Uhren ab als noch vor einem Jahr. Boutiquebesitzer an der Zürcher Bahnhofstrasse berichten, dass die russische Kundschaft konsequent auf die teuersten Modelle zusteuert, ohne eine Beratungsdienstleistung in Anspruch zu nehmen. Bezeichnend ist auch, dass die Chinesen, deren boomende Wirtschaft die Erdölhausse anfeuert, Schweizer Uhren nachfragen wie noch nie. Das kleine Hongkong hat im Herbst die USA als grössten Exportmarkt überholt.
Auch das Private Banking profitiert stark von den neuen Reichtümern, die sich in den rohstoffreichen Regionen anhäufen. Vermehrt suchen Banken die geografische Nähe zu den Vermögenden. Julius Bär zum Beispiel hat im November eine Vertretung in Abu Dhabi eröffnet. Dabei unterhält die Vermögensverwaltungsbank in den Vereinigten Arabischen Emiraten bereits einen Sitz in Dubai. «In Abu Dhabi können wir konservativere Kunden erreichen, die einen Bogen um Dubai machen», begründet Janwillem Acket, Chefökonom der Julius-Bär-Gruppe, die zusätzliche Niederlassung. Sich auf den Rohstoffreichtum auszurichten, sei eine Kernstrategie der Bank. In Mexiko und Russland unterhält Julius Bär Vertretungen, und von Singapur aus bearbeitet sie den nahen indonesischen Markt.
Während die Ölpreishausse die Wirtschaft favorisiert, belastet sie das Portemonnaie des Schweizer Konsumenten weniger, als man gemeinhin annimmt. Die Teuerung betrug 2007 durchschnittlich 0,7%, die geringste Zunahme seit vier Jahren. Der geschätzte Heizölverbrauch ging zwar von Januar bis November um 16% zurück, erklärt sich jedoch weitgehend durch die warmen Wintermonate Anfang Jahr und die Tendenz, bei Neubauten auf Wärmepumpen zu setzen.
Benzinverbrauch steigt
Der Benzinverbrauch reduzierte sich trotz einem Anstieg von 1.55 Fr. (Januar) auf 1.77 Fr. (November) pro Liter nicht, sondern nahm um 1,9% zu. «Der hohe Erdölpreis ist der Motor der starken Wirtschaft», sagt Rolf Hartl, Geschäftsführer der Erdölvereinigung Schweiz. «Der negative Effekt des teuren Rohöls ist in den Schwellenländern um ein Vielfaches grösser – und wirkt erst dann auf die Schweiz zurück, wenn diese Länder unsere Produkte nicht mehr kaufen können.»
Gewinner des Rekordölpreises ist jedenfalls der New Yorker Nymex-Händler: Er dürfte seinen 100-$-Kaufbeleg auf Ebay um ein Vielfaches versteigern können.
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